Freitag, 25. Mai 2012
Neue Erkenntnisse: Martin Korte, Jung im Kopf
Älter werden mit Köpfchen
Was die Hirnforschung über das Jungbleiben weiß
Das menschliche Gehirn ist leistungsfähiger als
jeder Computer. 100 Milliarden Neuronen und
Hilfszellen sorgen für ein großes Potential an
Energie. Das Hirn ist ein Organ, das 20 Prozent
des Blutsauerstoffs benötigt. Es lohnt sich, die
Ressourcen zu nutzen, um auch im Alter geistig
fit zu sein. In Seattle wurdne über 50 Jahre lang
6000 Teilnehmer für eine Studie untersucht. Die
über 50-Jährigen waren in vier Bereichen besser
als ihre jugendliche Vergleichsgruppe im Alter von
25 bis 35. Dazu gehörten die Sprachkompetenz, das
Sprachgedächtnis, die räumliche Orientierung sowie
das schlussfolgernde Denken. Interessanterweise ist
das Gehirn erst mit 50 Jahren vollständig im Aufbau
abgeschlossen. Im Großhirn beginnt die Myelinisierung,
die für die Fortleitungsgeschwindigkeit der elektrischen
Signale zuständig ist, ab dem neunten Schwangerschaftsmonat
und endet erst fünf Jahrzehnte später. Doch, wer ein
Leben lang lernt, bei dem verändern sich auch die
Nervenzellen, die sich stärker verwzweigen. Insbesondere
beim Erlernen einer Fremdsprache wachsen Synapsen und
Dendritenbäume. Absolut erstaunlich ist die Vergrößerung
des Gyrus angularis, einem Teil des Gehirns. Nach einem
Schlaganfall programmiert sich das Gehirn um, wenn bei
halbseitig Gelähmten der gesunde Arm bandagiert wird.
Langsam werden die Verbindungen gestärkt, die die
Motorik mit dem Körperteil gleichsetzen, der zuvor als
gelähmt erschien. Das heißt, der nicht-mobile Arm muss
sich bewegen lernen. Neue Axone und Dendriten müssen
wachsen. Mit Magnetfeldern am Kopf wird zusätzlich in
einer Therapie dafür gesorgt, dass überaktive Körperregionen
reduziert werden und die anderen gestärkt. Lebenslanges
Lernen kann auch Alzheimer nach hinten schieben und hält
länger jung. Auch alte Gehirne bilden neue Nervenzellen im
Hippocampus. Positive Gefühle beim Lernen sind besonders
hilfreich dabei, egal ob es sich um neue Sprachen, eine
neue Sportart oder ein neues Musikinstrument handelt.
Die Freiburger Arbeitsgruppe um Josef Bischofberger und
Peter Jonas stellten sogar die Hypothese auf, dass diese
neu gebildeten Nervenzellen leistungsfähiger sind. Sie
passen sich an, ohne dass anderes gelöscht werden muss.
Intensives Training ist allerdings nötig, nicht nur
temporäres Hineinschnuppern in ein neues Sachgebiet.
Isa Ardey schaffte mit 98 Jahren im dritten Anlauf ihren
Doktortitel in Germanistik. Charles Eugster gewann mit
91 Jahren im Rudern noch eine Goldmedaille. Altkanzler
Helmut Schmidt ist mit 94 ein scharfer Denker und gern
gesehener Gast in Polittalks im Fernsehen. Die älteste
Frau der Welt war Jeanne Calment aus Frankreich. Sie
wurde 122 Jahre alt, erlernte mit 85 das Fechten und
fuhr mit 100 Jahren noch mit dem Fahrrad. In Deutschland
konnte früher noch der Bundespräsident mit einer
persönlichen Grußkarte gratulieren. Heute wird das
schwierig, denn 2011 feierten 10.000 Bürger der Bundesrepublik
ihren 100. Geburtstag. Wie wird jemand alt? Stress ist sicher
nicht gut für den Körper und das Hirn. Jedenfalls kein negativer.
Bei zuviel Cortisol wird der Mensch in Alarmbereitschaft
versetzt. Das Herz fängt an zu rasen, der Blutdruck steigt.
Bei Dauerstress ist der Cortisolspiegel permanent erhöht.
Dadurch werden langfristig Nervenzellen - vor allem im
Hippocampus - geschädigt. Dieses Areal ist für die Gedächtnis-
und Lernvorgänge zuständig. Hirnforscher und Lernexperte
wie Martin Korte raten zu genügend Bewegung und Normalgewicht.
Das Gehirn braucht Sauerstoff. Beim Sport werden Areale, die
oft aktiv sind, sekundenschnell besser durchblutet. Bei einer
Belastung von 100 Watt steigt die Durchblutung im Gehirn
um 30 Prozent. Insbesondere der Stirnlappen profitiert davon,
aber auch andere Zentren wie die Sprach- und Aufmerksamkeits-
gebiete. Im Tierversuch belegte der Neurowissenschaftler
Gerd Kempermann von der Universität Dresden an Mäusen, dass
die Mausgruppe mit Laufrad doppelt so viele Nervenzellen
bildete als die Kontrollgruppe ohne Sportgerät. Lernen und
Bewegung scheinen die Schlüssel zu einem aktiven Leben bei
hoher Fitness zu sein. "Jung im Kopf" von Martin Korte ist
ein Buch, das in Zeiten von Alzheimer, Parkinson, Schlaganfall
und Herzinfarkten Mut macht und neue Erkenntnisse bringt.
(c) Corinna S. Heyn
Martin Korte,
Jung im Kopf.
Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in
das Älterwerden.
Deutsche Verlags-Anstalt 2012
Hardcover
Preis: 19,99 Euro
www.dva.de
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