Mittwoch, 30. Mai 2012
Buchkritik: Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken
Warum wir Lotto spielen und uns das Gedächtnis Streiche spielt
Nobelpeisträger Daniel Kahneman überrascht mit psychologischen
Meilensteinen
Das Gehirn ist ein Meisterwerk. Aber Menschen sind auch
sehr empfänglich für Illusionen. So sind wir darauf
ausgerichtet, Negatives zu verdrängen. Manche Erinnerungen
sind nur noch Zerrbilder des tatsächlich Erlebten. Das
mag damit zusammenhängen, dass sich das Gehirn pausenlos
verändert. Mit jedem Wissen von neu Erlerntem wird es
umprogrammiert. Wie sehr Menschen beeinflussbar sind,
wissen Psychologen sehr gut. Sonst würden weder die Werbung
noch die Versprechungen von Finanzprofis funktionieren.
Der Nobelpreisträger für Wirtschaft Daniel Kahneman hat
in seinem Mammutwerk "Schnelles Denken, langsames Denken"
bahnbrechende Beispiele aus wissenschaftlichen Experimenten
zusammengetragen, die Erstaunliches belegen. Nämlich wie
leicht durch Statistiken manipuliert werden kann oder wie
viele die falschen Schlüsse daraus ziehen. Damit schärft
der Psychologe gleichzeitig die Wahrnehmung für absurde
Behauptungen. Zwar sind die Untersuchungen auf die USA
gemünzt, aber es git viele Parallelen zu Europa. Insbesondere,
was das Lottofieber anbelangt. Obwohl die Wahrscheinlichkeit
im Lotto zu gewinnen, extrem niedrig ist, reizt der Nervenkitzel.
"Der Kauf eines Loses wird sofort durch lustvolle Fantasien
belohnt...", schreibt der Verfasser. Es gibt eine Verbindung
von Risikofreude bei negativen Gewinnaussichten. Dass es möglich
ist zu gewinnen, genügt den Lottospielern. "Unwahrscheinliche
Ereignisse werden überbewertet", folgert Daniel Kahneman. Er
als gebürtiger Israeli sieht den Überoptimismus der US-Amerikaner
differenziert. Einerseits fördert der Optimismus das Handeln
trotz Hindernissen. Andererseits scheitern 65 Prozent aller
amerikanischen Start-Up's in den ersten fünf Jahren. Dennoch
lassen sich viele nicht davon abhalten. 81 Prozent der befragten
Firmengründer schätzten ihre Erfolgssaussichten dennoch auf
mindestens 70 Prozent. Aus Kanada kommen ähnliche Studien.
Thomas Ästebro fand heraus, dass 47 Prozent der erfolglosen
Erfinder trotz schlechter Nachrichten stur an ihrem Projekt
festhielten, ehe sie aufgaben. Die Ökonomen Ulrike Malmendier
und Geoffrey Tate sehen sogar eine positive, jubelnde Presse
gegenüber Vorstands-Chefs für tragisch, weil dies nur zu einer
höheren Vergütung der Vorstände führt und zu einer unterdurch-
schnittlichen Leistung. Belohnen oder nicht, diese Frage stellen
sich manche Arbeitgeber. Studien an Menschen und Tieren erhärten
die gemäß Kahneman die These, das die Belohnung von guten
Leistungen eher nützt als die Bestrafung von Fehlern. Eingerechnet
werden muss dabei, dass es auch Leistungsabfälle geben wird.
Trotz Lob. Doch das ist normal. So bemerkenswert das menschliche
Hirn ist, so überraschend ist die Täuschung in Sachen Erinnerungen.
Die Fähigkeit, sich an frühere Überzeugunen zu erinnern, ist
mangelhaft. Wenn sich eine Meinung geändert hat, verliert der
Mensch den Bezug zum ehemals Gedachten. Viele Psychologen kamen
zu dem Ergebnis, dass Probanden nur ihre momentane Meinung
wiedergaben, nicht aber die der Vergangenheit, nach der sie
befragt wurden. Baruch Fischhoff wies diesen Effekt als Erster
als Student in Jerusalem nach. Er nannte das Phänomen "Ich wusste es die
ganze Zeit". Schlecht an dieser menschlichen Eigenart ist das
in Bezug auf die Beurteilung von Ärzten, Trainern und Politikern,
so Kahneman. Ihnen allen werden Rückschaufehler vorgeworfen.
So hätten Poltiker den Terror-Anschlag am 11. September 2001
erkennen können, Ärzte würden absichtlich Tode bei Operationen
in Kauf nehmen und so weiter. Ärgerlich daran sei, dass sich viele
Vorgehensweisen schlecht überprüfen ließen. Stattdessen gibt es
vermehrt Gesetze zur Vermeidung von Risiken. Kahneman hierzu: "Verstärkte
Rechenschaftspflicht ist ein zweischneidiges Schwert." Entscheidungsträger
würden dadurch zunehmend risikoscheuer. Nur wenige Menschen wie
exzellente Schachspieler können etwas voraussehen. Ein Profi erfasst
eine Spielesituation auf einen Blick. Bis er soweit ist, dauert es
Jahre mit rund 10.000 Stunden Training.
Das Werk ist ein Meilenstein der modernen psychologischen Forschung.
(c) Corinna S. Heyn
Daniel Kahneman,
Schnelles Denken, langsames Denken.
Thinking, fast and slow.
Aus dem amerikanischen Englisch von
Thorsten Schmidt.
Siedler Verlag bei der Verlagsruppe Randomhouse 2012.
www.siedler-verlag.de
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen